24. August 2010

Neue Zellen für kranke Herzen

Künftig dürfte ein schlichter Cocktail aus drei Genen für eine Regenerierung eines geschädigten Herzmuskels sorgen: Ein internationales Forscherteam hat drei Transformationsfaktoren identifiziert, die einfache Bindegewebszellen in Herzmuskelzellen umprogrammieren. Aus den Herzen von Mäusen entnommene so genannte Fibroblasten wurden mit den drei Genen behandelt und nach einem Tag wieder zurücktransferiert. Innerhalb von zwei Wochen verwandelten sich die Bindegewebszellen in schlagende Herzmuskelzellen. Das Ursprungsmaterial muss aber nicht unbedingt aus dem Herzen stammen: Die Transformation gelingt auch mit Hautzellen. Die Methodik sei deutlich effizienter als die Zellherstellung durch eine Umwandlung von Stammzellen.

Bei einem Herzinfarkt sterben wegen einer Durchblutungsstörung Teile des Herzmuskels ab. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts erleiden in Deutschland jedes Jahr etwa 280.000 Menschen einen Herzinfarkt, fast 60.000 Patienten sterben. Transplantiert werden in Deutschland jedes Jahr nur ungefähr 400 Herzen. “Die Forschung versucht deshalb seit 20 Jahren, aus nichtmuskulären Zellen Herzmuskulatur herzustellen. Nun ist uns dies mit Fibroblasten gelungen, die fast die Hälfte aller Herzzellen ausmachen”, berichtet Studienleiter Deepak Srivastava von der University of California in San Francisco.

Gesucht wurde bisher nach einem Hauptregulator des Herzmuskels. Nun haben die Wissenschaftler die 14 Gene analysiert, die als Transformationsfaktoren eine Rolle in der Herzentwicklung spielen. Die Reaktion der Gewebezellen von Mäusen im Labor auf die 14 Gene war gering, aber immerhin zeigten sich positive Reaktionen. Nachdem nun ein Faktor nach dem anderen in den Versuchen weggelassen wurde, blieben am Ende nur drei übrig: Die Gene Gata4, Mef2c und Tbx5 führen den Trick der Umwandlung souverän durch.

Die aus den Mäusen entnommenen Herz-Fibroblasten wurden mit den drei Reprogrammierungsfaktoren behandelt, indem sie über ein Virus in die Zellen eingeschleust wurden. Dort öffnet Gata4 bestimmte Strukturen des Erbguts, so dass die anderen beiden Gene dort ihr Programm abspulen können. Nach einem Tag injizierten die Wissenschaftler die Zellen zurück in die Mäuseherzen, wo sich 20 Prozent von ihnen in aktive Herzmuskelzellen transformierten. Dagegen schneidet die alternative Behandlung schlecht ab, bei der so genannte pluripotente Stammzellen in das Herz eingespritzt werden: “Ein solcher Stammzellen-Cocktail transferiert nur 0,1 Prozent der Fibroblasten erfolgreich”, erläutert Srivastava. Außerdem besitzen solche Herzmuskelzellen aus bisher unbekannten Gründen nicht die typischen elektrischen Aktivitäten der Herzmuskulatur: Die Bewegungen der Herzkammern werden durch ein komplexes System von elektrischen Impulsen kontrolliert.

Die Robustheit des Verfahrens weckt bei den Wissenschaftlern die Zuversicht, dass auch Zellen direkt im Herz ohne vorherige Entnahme reprogrammiert werden können. Dazu sollen nun aber keine Viren mehr als Transportmedium verwendet werden: Gesucht werden kleine Molekülen, die als Medikamente die Effekte der drei Transformationsfaktoren nachahmen.

Deepak Srivastava (University of California, San Francisco) et al.: Cell, Bd. 142, S. 375, doi: 10.1016/j.cell.2010.07.002

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19. August 2010

Neue PRISCUS-Liste bestätigt: Die verträglichste Schlafhilfe für Senioren ist Baldrian

Die Menschen werden immer älter, Medikamente bekommen deshalb in ihrem Leben eine immer wichtigere Rolle. Wie wichtig, zeigt die Statistik: Jeder Kassenpatient über 60 Jahre nimmt im Durchschnitt drei Arzneimittel pro Tag ein! Das Bedenkliche dabei: Viele dieser Medikamente sind gerade bei älteren Menschen mit Nebenwirkungen und sogar gefährlichen Risiken verbunden. Eine Arbeitsgruppe um die Wuppertaler Pharmakologin Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann hat jetzt zum ersten Mal eine für Deutschland gültige Liste von Arzneistoffen erstellt, die bei älteren Menschen vermieden werden sollten.

Die soeben veröffentlichte PRISCUS-Liste (Dtsch.Arztebl. Int. 2010; 107(31-32): 543-51) liest sich wie ein Katalog der am häufigsten verordneten synthetischen Medikamente. 83 Arzneimittel haben die an der Beurteilung beteiligten 38 Experten aus acht verschiedenen Fachrichtungen als für ältere Menschen „potentiell inadäquate Medikamente“(PIM) eingestuft. Dazu gehören die in Deutschland besonders häufig verordneten Schlaf- und Beruhigungsmittel Benzodiazepine, Z-Substanzen, Chloralhydrat und Diphenhydramin. Sie beeinträchtigen die Alltagssicherheit und das Reaktionsvermögen und sind eine häufige Ursache von gefährlichen Stürzen. Benzodiazepine z.B. erhöhen das Risiko von Knochenbrüchen bei älteren Patienten um 50 bis 110 Prozent! Gefürchtet sind aber auch ihre unerwünschten Wirkungen auf die Psyche: Sie reichen von paradoxen Reaktionen wie Unruhe und Reizbarkeit bis zu Depressionen und Psychosen.

Als eine der wenigen therapeutischen Alternativen, die ohne unangemessene Risiken auch bei älteren Patienten angewendet werden können, werden in der PRISCUS-Liste pflanzliche Arzneimittel mit Baldrian genannt. Die beruhigende und Schlaf anstoßende Wirkung von Baldrian-Extrakten, besonders in Kombination mit Melisse oder Hopfen, ist in randomisierten und kontrollierten wissenschaftlichen Studien gut dokumentiert. In keiner dieser Untersuchungen fand sich ein Hinweis auf eine Verschlechterung der Konzentration, der Reaktionsgeschwindigkeit, der Wahrnehmung oder der Wachheit. Eine Erhöhung der Sturzgefahr ist nach Einnahme von Baldrian-Extrakten ebenfalls nicht zu befürchten. Da diese Arzneimittel den Schlafrhythmus nicht stören und nicht abhängig machen, können sie im Gegensatz zu Benzodiazepinen über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Weitere Informationen zu Phytotherapie finden Sie unter www.phytotherapie-komitee.de
KFN 14/2010 – 19.08.2010

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10. August 2010

Neuer Therapieansatz bei Retinitis pigmentosa (RP)? – Valproinsäure könnte Sehverlust stoppen

Auf einen möglichen neuen Therapieansatz zur Behandlung der Retinitis pigmentosa (RP) hat jetzt eine Forschergruppe um Dr. Salesh Kaushal von der University of Massachusetts Medical School (Worcester) hingewiesen. Nach Erkenntnissen der Wissenschaftler gibt es offenbar einen therapeutischen Effekt von Valproinsäure beziehungsweise Valproat (Valproic acid/VPA) auf diese Form der degenerativen Netzhauterkrankung.

In der Online-Ausgabe des British Journal of Ophthalmology (20. Juli 2010) beschreibt das Team um Kaushal die potenzielle Wirkung dieses Arzneistoffs auf den Visus von RP-Patienten. Daten einer retrospektiven Studie legen den Schluss nahe, dass Valproinsäure den Sehverlust stoppen könnte – in mehreren Fällen, so berichten die Forscher, habe sich sogar eine Verbesserung des Gesichtsfeldes gezeigt.

In den USA ist Valproinsäure zur Behandlung von Epilepsie, Migräne und biploaren Störungen zugelassen, heißt es. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse deuteten darauf hin, dass dieser Wirkstoff auch eine effektive Therapie gegen den RP-assoziierten Photorezeptorenverlust sein könnte.

In der retrospektiven Studie wurden RP-Patienten zwei bis sechs Monate lang mit Tagesdosen zwischen 500 und 750 mg Valproinsäure off-label behandelt. In einer Phase, in der RP-Patienten üblicherweise einen schnellen Sehverlust erlitten, hätten fünf von sieben Patienten eine Verbesserung ihres Gesichtsfeldes erfahren, berichten die Forscher. Sollten die bisherigen Beobachtungen weiter untermauert werden können, könnte niedrig dosierte Valproinsäure ein enormes Potenzial haben, hofft Kaushal.

Die UMass Medical School ist nach eigenen Angaben die Koordinierungsstelle für eine auf drei Jahre angelegte klinische Studie, die die therapeutischen Möglichkeiten dieses Wirkstoffs bei RP erforschen soll. Diese Studie sei von der Foundation Fighting Blindness/National Institute Neurovision Research Institute mit 2,1 Millionen Dollar ausgestattet worden, teilt die Universität mit.

Siehe auch: Augen

Quelle:
www.umassmed.ed…
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