25. März 2008

Wenn vor Angst das Blut in den Adern gefriert

Panische Angst lähmt nicht nur den Körper, sie kann auch das Blut zum Stocken bringen: Menschen mit einer ausgeprägten Angststörung neigen eher zu einer erhöhten Blutgerinnung als psychisch Gesunde, zeigt eine Untersuchung von Medizinern der Universität Bonn. Dies könnte erklären, warum Angstpatienten ein bis zu viermal so grosses Risiko haben, an einer Herzerkrankung zu sterben. Für ihre Arbeit hat Studienleiterin Dr. Franziska Geiser jetzt in Freiburg den Hans- Roemer-Preis erhalten.

“Mir gefriert das Blut in den Adern” – diese häufig gebrauchte Redewendung ist nach neuesten Untersuchungen wörtlicher zu nehmen, als so manchem lieb sein wird. Denn starke Angst und Panikgefühle können tatsächlich unser Blut zum Gerinnen bringen und damit das Risiko einer Thrombose oder eines Herzinfarktes erhöhen.

Frühere Studien hatten schon gezeigt, dass Stress und auch Angst die Gerinnung beeinflussen können. Diese Studien stützen sich allerdings fast nur auf Fragebögen bei gesunden Menschen. Dagegen untersuchte das Bonner Forscherteam um Franziska Geiser von der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Ursula Harbrecht vom Institut für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin nun erstmals sehr differenziert die Gerinnung bei Angstpatienten.

Jeder Mensch hat dann und wann mal Angst “ bei der Mathearbeit zu versagen, in den dunklen Keller zu gehen oder ganz allgemein vor der Zukunft. Bei manchen Menschen lösen aber ganz normale Alltagssituationen grosse Ängste aus. Zum Beispiel bekommen Menschen mit Agoraphobie in dichten Menschenmengen häufig regelrechte Panikattacken. Die Symptome können dramatisch sein: Herzrasen, Schweissausbrüche, Zittern, Angst, ohnmächtig zu werden oder gar zu sterben. Eine weitere häufige Angststörung stellt die soziale Phobie dar. Dabei fürchten sich die Betroffenen vor allem davor, in Gruppen im Mittelpunkt zu stehen, zu stottern oder zu erröten. Und weil sie sich nicht blamieren wollen, ziehen sich Menschen mit sozialer Phobie oft ins eigene Haus zurück.

Die Mediziner verglichen solche Patienten, die unter einer ausgeprägten Form einer Panikstörung oder einer sozialen Phobie leiden, mit einer gesunden Kontrollgruppe. Um den Einfluss von Faktoren wie Alter und Geschlecht möglichst gering zu halten, wurde für jeden der 31 Angstpatienten eine entsprechend gesunde Person gleichen Alters und gleichen Geschlechts ausgewählt. Zunächst wurde den Probanden Blut abgenommen, bevor sie einige Testaufgaben am Computer bewältigen mussten. Danach erfolgte eine zweite Blutentnahme.
Die Auswertung des Blutes auf verschiedene Gerinnungsfaktoren hin ergab: Bei den Angstpatienten war das Gerinnungssystem deutlich stärker aktiviert als das der gesunden Kontrollgruppe.

Normalerweise halten sich im Gerinnungssystem zwei gegenläufige, lebensnotwendige Mechanismen in etwa die Waage: Bei der Koagulation verdickt das Blut, ein Blutpfropf entsteht, und der dichtet etwaige Verletzungen ab. Die so genannte Fibrinolyse dagegen macht das Blut flüssig und löst den Blutpfropf wieder auf. Bei den Angstpatienten beobachteten die Forscher bei genauerer Analyse aber eine Aktivierung der Koagulation bei gleichzeitiger Hemmung der Fibrinolyse. Dabei war bis auf den Piks bei der Blutabnahme ja gar keine “echte” Verletzung vorhanden. So gerät das Gerinnungssystem in eine Schieflage, und die Gerinnungsneigung erhöht sich “ möglicherweise mit gefährlichen Folgen, die im Extremfall bis zur Verstopfung einer Herzkranzarterie reichen können.

Die verstärkte Gerinnungsneigung könne der “missing link” sein, warum Angstpatienten statistisch gesehen ein um den Faktor 3-4 erhöhtes Risiko haben, an einer Herzerkrankung zu sterben. “Das heisst natürlich nicht, dass alle Patienten mit einer ausgeprägten Angststörung nun Angst haben müssen, einen Herzinfarkt zu erleiden. Die ermittelten Gerinnungs-Werte waren stets im physiologischen Bereich, also ohne akute Gefahr”, erläutert Studienleiterin Franziska Geiser. Eine tatsächliche Gefährdung ergebe sich erst, wenn andere Risikofaktoren dazu kämen, wie z.B. Rauchen und Übergewicht.

Die Privatdozentin hat für Angstpatienten aber auch eine ermutigende Botschaft. Denn eine Folgestudie liefert erste Hinweise darauf, dass die Gerinnungsaktivierung bei den Patienten nach einer erfolgreich verlaufenden Therapie rückläufig ist. In diesem Zusammenhang mahnt Dr. Geiser an, dass Angststörungen insgesamt immer noch zu spät diagnostiziert würden. Eine wirksame Psychotherapie erfolge oft erst zu spät. “Es gibt ja auch Programme für die Bevölkerung, um mit dem Rauchen aufzuhören oder Sport zu treiben. Wenn man insgesamt die Zahl der Herzstörungen vermindern will, macht es dann auch Sinn, Angststörungen besser zu diagnostizieren und zu behandeln”.

Für ihre Studie hat Franziska Geiser jetzt den Hans-Roemer-Preis erhalten. Der Preis gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen im Bereich der klinischen Psychosomatik.

Kontakt:
PD Dr. Franziska Geiser
Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Telefon: 0228/287-16299
E-Mail: <franziska.geiser@ukb.uni-bonn.de>

Nahrungsergänzung zu: , , , , , , , , ,

Verwandte Artikel



23. März 2008

Lebensgefährlicher Lebensretter Neuer Mechanismus der Aktivierung der Blutgerinnung

Ohne Blutgerinnung könnten wir keine Verletzung überstehen. Hämostase heisst der Prozess, bei dem Blutungen gestillt werden, um einen potentiell lebensgefährlichen Blutverlust zu vermeiden. Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Professor Bernd Engelmann vom Institut für Klinische Chemie der Ludwig-Maximilians- Universität (LMU) München konnte jetzt ein Protein identifizieren, dass entscheidend sein könnte für den Start der Blutgerinnung, das Enzym “Protein Disulfide Isomerase (PDI)”. PDI stellt eigentlich eine Art TÜV dar, der den korrekten Aufbau von Proteinen innerhalb von Zellen prüft und sicherstellt. Entsprechend unerwartet ist, dass PDI die Blutgerinnung initiiert. Wie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift “The Journal of Clinical Investigation (JCI)” berichtet, führte eine Blockade des Enzyms PDI zu einer Verringerung der Bildung von Fibrin, einem Molekül, das Netze zum Verschluss von Wunden in Blutgefässen bildet. Die Blutgerinnung stellt einen janusköpfigen Prozess dar “ sie verhindert bedrohliche Blutungen, löst aber auch lebensgefährliche Thrombosen aus, also Blutgerinnsel, die zu Schlaganfällen und Herzinfarkten führen können. Möglicherweise spielen PDI und verwandte Proteine daher auch bei der Entstehung von häufigen Herz-Kreislauferkrankungen eine wichtige Rolle “ und sind damit potentielle Zielmoleküle für entsprechende Therapien.

Rund 30 Faktoren sind an der Blutgerinnung beteiligt, die letztlich in einer Art Kettenreaktion abläuft. In einem letzten Schritt dieser Gerinnungskaskade bilden die Fibrinmoleküle ein Netz, das wie ein Pfropf die Wunde verschliesst. Weil in das Geflecht auch rote Blutkörperchen eingelagert werden, spricht man von einem “roten Thrombus”. Er dichtet die Wunde nach innen und aussen ab, so dass der Bildung des Pfropfs eine entscheidende Abwehr- und Reparaturfunktion zukommt “ die letztlich die Unversehrtheit der Gefässe garantiert. Eine ähnliche Rolle spielen die Blutplättchen, weil sie an den Stellen einer Aderverletzung aggregieren. Es ist aber der Fibrinpfropf, der für eine stabile Versiegelung von Wunden an Gefässwänden sorgt und damit einen lebensbedrohlichen Blutverlust verhindert.

Es ist schon seit längerem bekannt, dass der Start der Fibrinbildung ganz entscheidend von dem “Tissue Factor (TF)” abhängt, der auch als Thromboplastin bekannt ist. Dieses Protein wird von den Zellen der Gefässwände sowie von Blutkörperchen produziert, aber erst bei Bedarf aktiviert. Dann ermöglicht TF einen der wichtigsten Schritte der Blutgerinnung: Die Aktivierung des Enzyms Thrombin aus der inaktiven Vorstufe Prothrombin. Das Thrombin wiederum sorgt für die Bildung des Fibrinnetzes. “Man weiss, dass mehrere Faktoren Einfluss haben auf die Aktivierung von TF”, berichtet Engelmann. “Bisher aber war unklar, wie das Protein in einen aktiven Zustand überführt wird. Unsere Ergebnisse zeigen jetzt aber, dass PDI den TF aktivieren kann, so dass PDI selbst und wohl auch funktional verwandte Enzyme zu den wichtigsten Initiatoren der Fibrinbildung gehören.”

Die Versuche zeigten auch, dass PDI und TF für den Vorgang der Aktivierung eine sehr kurzfristige chemische Verbindung eingehen.
Ausserdem können wohl relativ wenige PDI-Moleküle eine ganze Reihe von TF-Molekülen aktivieren “ und so für eine Verstärkung des Signals sorgen, das von einem verletzten Gefäss ausgeht. Das wiederum ist nötig für eine schnelle und optimale Versiegelung der Wunde. “Bei Bedarf wird PDI von verschiedenen Quellen freigesetzt”, so Engelmann, “insbesondere aber von verletzten Zellen. Man muss sich vor Augen halten, dass bei jeder kleinen Schnittwunde Tausende von Zellen geschädigt werden. Dadurch wird unter anderem PDI freigesetzt und kann die Blutgerinnung starten. Weitere Untersuchungen sollen nun klären, ob PDI auch eine krankmachende Rolle spielen kann.”

Blutgerinnung ist nämlich ein vom Körper streng regulierter, hierarchisch aufgebauter und äusserst komplexer Prozess, der nur bei Verletzungen stattfinden darf. Ansonsten droht ein lebensgefährlicher Aderverschluss durch ein Blutgerinnsel, was eben zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen kann. “Normale Blutgerinnung und die Entstehung einer Thrombose sind mechanistisch unterschiedliche Prozesse”, so Engelmann. “Trotzdem spielt TF wohl in beiden Fällen eine gewichtige Rolle. Dann aber könnten PDI und ähnlich wirkende Enzyme bei der Entstehung gefährlicher Blutgerinnsel ebenfalls von Bedeutung sein.
Sollte sich dies in weiteren Versuchen bestätigen, könnten diese Proteine als sehr wirksame Zielmoleküle für eine Therapie einer ganzen Reihe von Herz-Kreislauferkrankungen in Frage kommen, die durch Thrombosen ausgelöst werden.”

Publikation:
“Protein disulfide isomerase acts as an injury response signal that enhances fibrin generation via tissue factor activation”, Christoph Reinhardt, Marie-Luise von Brühl, Davit Manukyan, Lenka Grahl, Michael Lorenz, Berid Altmann, Silke Dlugai, Sonja Hess, Ildiko Konrad, Lena Orschiedt, Nigel Mackman, Lloyd Ruddock, Steffen Massberg, and Bernd Engelmann,
“The Journal of Clinical Investigation (JCI)”, 3. März 2008; Band 118: Seiten 1110-1122.

Ansprechpartner:
Professor Dr. Bernd Engelmann
Institut für Klinische Chemie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München
Tel.: 089 / 7095 “ 3243
Fax: 089 / 7095 “ 6220
E-Mail: Bernd.Engelmann…

Nahrungsergänzung zu: , , , , , , , , ,

Verwandte Artikel


28. Februar 2008

Schlaganfallpatienten entwickeln Aspirin-Resistenzen

Neben der Anwendung als Schmerzmittel wird Aspirin auch vorbeugend gegen Herzinfarkt und Schlaganfall eingesetzt. In einer Kontrollstudie haben Forscher der University of Buffalo http://www.buffalo.edu/ herausgefunden, dass Patienten, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten, eine Aspirin-Resistenz entwickelten. Aspirin schützt Herzinfarkt- wie Schlaganfallpatienten vor erneuten Thrombosebildungen in den Arterien.

“In dieser Studie konnten wir feststellen, dass 80 Prozent der 653 Probanden, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten, Aspirin-sensitiv und 20 Prozent Aspirin-resistent waren”, erklärt der Francis M. Gengo, Wissenschaftler an der UB School of Medicine and Biomedical Sciences http://www.smbs.buffalo.edu in den USA. “Patienten, die einen zweiten Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten, zeigten bis zu 80 Prozent eine Aspirin-Resistenz”, ergänzt Gengo.

Fast zeitgleich wurde eine weitere Studie zum Thema Aspirin bei Infarktpatienten veröffentlicht. Die Forscher, die bei 20 Studien eine Metaanalyse durchführten, kamen zum Ergebnis, dass vor allem Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung, Patienten mit Diabetes und jene, die bereits einen “Mini-Infarkt” hatten, gegen Aspirin immun waren. Zudem haben besonders jüngere Herzinfarktpatienten ein besonders hohes Risiko Resistenzen gegen Aspirin zu entwickeln. Einen Zusammenhang zwischen Aspirin-Resistenzen, Bluthochdruck sowie hohem Cholesterin konnten die Forscher aber nicht feststellen. “Wenn ein Patient einen Schlaganfall mit 50 erleidet, so leidet dieser an einer schlimmeren Gefässerkrankung als ein Patient der erst mit 70 einen Schlaganfall bekommt”, meint Gongo.

“Aspirin ist bei Herzinfarktpatienten Standard und wird niedrig dosiert verabreicht”, erklärt Gerald Maurer, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin II im AKH Wien. “Bei Magenproblemen kann Aspirin verschrieben werden, doch ist es zu empfehlen, dies gemeinsam mit einem Magenschutz einzunehmen”, ergänzt Maurer.

Nahrungsergänzung zu: , , , , , , , , ,

Verwandte Artikel